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Der Lange und der Kurze

Es war wiedermal kurz vor Ladenschluss, meiner liebsten Einkaufszeit, als ich den Laden betrat. Ich schob meinen Einkaufswagen gerade durch den Eingang, als ich hinter mir zwei Männer in einer mir fremden Sprache laut miteinander sprechen hörte. Ich ließ sie an mir vorbeiziehen, indem ich galant mein Wägelchen bei den Kaffee-Pads parkte.

 

„Hab ich noch Pads oder soll ich lieber welche mitnehmen?“ dachte ich bei mir, während ich aus dem rechten Augenwinkel die beiden Männer beobachtete. „Uiii, wird das hier jetzt gleich gefährlich...“ sinnierte ich vor mich hin, denn der längere der beiden Männer gestikulierte dem kleineren Mann in lauten Worten etwas für mich Unverständliches.

 

Ich verstand zwar kein Wort, es hatte aber den Anschein, dass der Lange den Kurzen für irgendetwas zurechtstutze (wird der ja noch kleiner, dachte ich). Zumindest schaute der Kurze recht schuldbewusst und Schuld sieht bei allen Menschen im Gesicht ja bekanntlich gleich aus.

 

„Aber wieso müssen die so laut sein...!“ Ha, da war es, das Vorurteil und das Anti-Programm: Sowas macht man nicht. Ok, in abgemilderter Form, da ich mich ja beim Denken genau beobachtete, aber der Gedanke war da.  Man hörte außer den beiden nur die Lüftung im ALDI, ansonsten war es mucksmäuschenstill.

 

Der gesittete Deutsche geht „still“ durch den ALDI, schiebt sein Wägelchen knarzend vorbei an den Regalen, belädt schweigsam und in sich versunken und ist am liebsten unsichtbar – erst recht abends um halb acht.

 

Doch diese beiden Männer kamen aus einem anderen Kulturkreis. Ich wusste nicht, ob sie stritten oder nur ein paar Anekdoten austauschten, denn irgendwann lachte einer der beiden und die Lage entspannte sich – in meinem Kopf.

„Gott sei Dank, dann wird das hier ja friedlich enden...“ hörte ich mich selbst in Gedanken ausatmen.

Flucks noch Hundefutter eingeladen und ab zur Kasse und wer steht vor mir – der Kurze.

 

„Nette Schuhe..“ denke ich, „die sind mir schon vorher aufgefallen und ich betrachte den Kurzen mal genauer. Gut gekleidet, braune coole Schuhe, blaue Hose, schwarze Lederjacke, die ihm echt gut stand und eine olivgrüne Puma-Tasche über der Schulter. Der Lange stand noch bei ihm und legte mir dann so einen Trennbalken aufs Laufband „Ach wie nett..“ hörte ich mich denken und bedankte mich. Dem Langen dauerte es vermutlich zu lange und er wartete vor der Kasse auf den Kurzen. Nun stand der Kurze alleine da und fühlte sich sichtlich alleine. Und es war...still. Kein Wort. Im ALDI war es wieder leise.

 

Dann kam der Kurze an die Reihe und begrüßte höflich die Kassiererin mit einem charmanten "Guten Abend" in einer ihm nicht geläufigen Sprache... und ach wie süß, er war nervös. Er wollte mit der Karte bezahlen, aber die flog ihm runter. Der Lange bückte sich und hob sie auf. Alle lächelten. Die Kassiererin lächelte, der Kurze lächelte verschämt, der Lange lächelte aufmunternd und ich ... lächelte auch.

 

Der Kurze wollte gerade gehen, und ich dachte noch, eh vergiss deine Fanta nicht, da streckte die Kassiererin diese dem Kurzen auch schon entgegen. Er nahm sie, bedankte sich und ich dachte nur, was für zwei sympathische junge Männer.

 

Und die Moral von der Geschicht’: ne objektive Wirklichkeit, die gibt es nicht.

Nur meine, individuelle Sicht. ;)

 

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